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Erdenschoß – Leseprobe

Yorkans Suche nach der Wahrheit – aber was ist die Wahrheit?

Die Geschichte kann man in Gänze hören in: Glaswelten 2

Funken flogen vom Feuer weg in die Nacht und erstarben dort. Am Rande des Feuerscheins grasten zwei Reittiere friedlich nebeneinander. Zwei Männer saßen auf Decken am Feuer und wärmten sich. Beide hingen ihren Gedanken nach.

»Du hast vor dem Rat die Legende vom Schoß der Erde erwähnt, Yorkan. Diese Legende ist sehr alt und wird immer wieder neu und anders erzählt. Erzähle sie mir bitte, so, wie du sie gehört hast.«

Der junge Mann schaute Yolan einen Moment lang an. Dann setzte er sich aufrecht und räusperte sich.

»Vor vielen Zeitaltern lebten unendlich viele Menschen auf der Welt. Es gab viele verschiedene Stämme, doch lebten sie in Frieden miteinander. Dann aber wurden die Stämme im Norden immer reicher. Zwar waren die Winter härter als im Süden, doch die Sommer waren milder, und das Korn wuchs reichlich und die Tiere gediehen prächtig. Die Stämme im Süden sahen es, und wurden neidisch. »Gebt uns von eurem Reichtum ab«, sagten sie. »Wir sind doch Brüder«, sagten sie. Doch die reichen Stämme im Norden lachten nur und horteten ihren Reichtum. Da wurden die Stämme im Süden böse und schworen den Stämmen im Norden ewige Feindschaft. Für jedes Kind, dass Hungers sterben würde, würden zehn Kinder des Nordens sterben, so lautete ihr Schwur. Doch die Jahre vergingen, und die Nordstämme wurde immer reicher, und die Südstämme immer ärmer. Kein Jahr verging, in welchem die Südstämme die Nordstämme nicht mit ihren Flüchen und Drohungen bedachten. Nichts jedoch passierte. Nur eine kleine Gemeinschaft der Nordstämme glaubte an die Rache der Südstämme. Sie bauten sich eine Zuflucht tief in der Erde und hielten sie vor allen anderen Stämmen geheim. Denn wenn die Rache der Südlichen kommen sollte, dann wollten sie ihre Zuflucht mit niemandem teilen. Viele Jahre vergingen, und die gegenseitige Verachtung der Stämme wuchs. Doch eines Tages geschah, was die kleine Gemeinschaft immer befürchtet hatte. Die Magier der Südstämme beschworen die Sonne und flehten sie herab auf die Erde. Doch die Sonne schickte ihre Kinder; denn sie selber war zu groß, um die Erde zu besuchen. Die Kinder aber tollten auf der Erde umher und betrachteten alles genau. Doch überall, wo die Kinder sich niederließen, wurde alles zu Glut und Staub. Traurig, weil die Sonnenkinder niemanden finden konnten, der mit ihnen spielte, verließen sie schließlich die Erde wieder. Nur die kleine Gemeinschaft der Nordstämme hatte überlebt, tief in ihrem Versteck. Viele Generationen lang hielt die Angst vor einem neuen Besuch der Sonnenkinder sie davon ab, an die Oberfläche zurück zu kehren. Dann aber geschah schreckliches. Eine seltsame Krankheit hatte all ihre Nahrungspflanzen getötet. Eine Hungersnot brach aus. Da wagten sich die ersten Mutigen wieder an die Oberfläche. Zu ihrer Freude fanden sie grüne Wiesen, sauberes Wasser und Nahrung im Überfluss. Und so kehrten die Menschen aus dem Schoß der Erde wieder zurück ins Licht.«

Yolan nickte und blickte versonnen ins Feuer. Seine Augen schienen in jene ferne Vergangenheit zu blicken. Yorkan räusperte sich.

»Meister Yolan? Ist euch wohl?«

Der Alte schreckte auf.

»Verzeih, Yorkan, ich war mit meinen Gedanken an einem weit entfernten Ort. Die Legende hat mich dorthin geführt. Ich stellte mir vor, wie es gewesen sein muss, nach so vielen Generationen wieder an die Oberfläche zu kommen. Hat das Licht sie geblendet? Wie haben sie entdeckt, welche Pflanzen und Tiere sie essen konnten? Es muss eine sehr aufregende Zeit gewesen sein.«

»Wenn die Legende wahr ist, Meister Yolan.«

»Aber du glaubst doch auch daran, Yorkan. Deshalb sind wir auf dem Weg zu der Höhle.«

»Schon. Aber was, wenn wir doch einem Irrglauben anhängen? Wenn die eine Wahrheit tatsächlich die eine Wahrheit ist?«

»Deshalb sind wir unterwegs. Morgen werden wir die Höhle erreichen, wenn deine Erinnerung uns richtig geführt hat. Dann werden wir wissen, Yorkan. Dann werden wir endlich wissen.«

Yorkan lag in dieser Nacht noch lange wach und dachte über seine Entdeckung nach. Was würden sie in der Höhle finden? Und vor allem: Was würden sie damit machen? Und dann war da noch die Angst, dass die Höhle nur eines enthielt. Die Enttäuschung, nur eine Höhle zu sein. Schließlich glitt Yorkan in einen von wirren Träumen durchlöcherten Schlaf.

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